KRISENDIENST | Presse

1. Oktober 2017

Am Start: Krisendienst Psychiatrie für die Region Ingolstadt

Schnelle, wohnortnahe Hilfe in seelischer Not
Krisendienst Psychiatrie ist ab 1. Oktober in Ingolstadt und Region erreichbar

0180 / 655 3000 – täglich von 9 bis 24 Uhr: Der Krisendienst Psychiatrie ist ab 1. Oktober für die Bürgerinnen und Bürger Ingolstadts sowie der Landkreise Eichstätt, Neuburg-Schrobenhausen und Pfaffenhofen erreichbar. Menschen in seelischen Notlagen können dort schnelle, unbürokratische und wohnortnahe Hilfe erhalten. Bei Bedarf sind innerhalb einer Stunde Krisenhelfer vor Ort, um akut belasteten Menschen beizustehen.

Mit der Freischaltung der Region 10 ist der Aufbau des Krisendienstes Psychiatrie in Oberbayern abgeschlossen. „Das Netzwerk ist endlich komplett“, freute sich Bezirkstagspräsident Josef Mederer bei einem Pressegespräch in den Caritas-Wohnheimen und Werkstätten Ingolstadt. Mit dem Start in Ingolstadt und den umliegenden Landkreisen könnten erstmals alle Bürgerinnen und Bürger Oberbayerns einen Hilferuf bei der Leitstelle des Krisendienstes absetzen. Die Betroffenen werden bei Bedarf in ein passendes Hilfeangebot vermittelt – mit der bestmöglichen Wohnortnähe. „Damit werden auch Polizeieinsätze und Zwangsmaßnahmen, wie sie in akuten Krisensituationen immer wieder vorkommen, überflüssig“, sagte Mederer weiter. „Das Wichtigste ist: Bloß nicht zu lange warten, bis man sich in einer psychischen Krise Hilfe holt.“

Der Bezirkstagspräsident betonte auch die besondere Rolle Ingolstadts beim Aufbau des bundesweit einmaligen Netzwerkes. Die langjährige Vorsitzende der Angehörigen psychisch kranker Menschen (ApK), Eva Straub, hatte seit vielen Jahren – gemeinsam mit Bezirkstagspräsident Mederer – die Etablierung eines eigenständigen psychiatrischen Notrufs gefordert. Die Ingolstädterin ist im Sozial- und Gesundheitsausschuss des Bezirks Oberbayern Sachverständige für die Angehörigen-Selbsthilfe. „Ohne Sie, liebe Frau Straub, säßen wir heute vielleicht gar nicht hier“, sagte Mederer. „Für Ihre Beharrlichkeit gebührt Ihnen große Anerkennung.“

Der Bezirk Oberbayern investiert rund 7,4 Millionen Euro pro Jahr in Aufbau und Betrieb des Krisendienstes. Ausgelegt ist das Angebot auf rund 20.000 Anrufe pro Jahr. Von April 2016 bis Mai 2017 haben sich bereits rund 17.000 Menschen an den Krisendienst gewandt. Dessen Leitstelle ist von Dr. Michael Welschehold geführt und für die Erstberatung und Koordinierung geeigneter Hilfen zuständig. „Bei uns liegt die zentrale Lotsenfunktion“, erklärte der Psychiater. „Wir hören zu, deeskalieren, beraten und vermitteln. Die Betroffenen wissen in ihrer Not am wenigsten, wo es passende Hilfe gibt.“ Denn: „Mit rechtzeitiger, verbindlich verfügbarer fachkundiger Hilfe können Eskalation und Gefährdung meist abgewendet werden.“

Für die Krisenintervention sind unter anderem die regionalen Sozialpsychiatrischen Dienste (SpDi) zuständig. Je nach Bedarf erfolgt Krisenhilfe in Form von kurzfristig vereinbarten ambulanten Beratungsterminen (z.B. bei einem SpDi), Kriseneinsätzen vor Ort oder ambulanter beziehungsweise stationärer klinisch-psychiatrischer Behandlung.

Der besondere Schwerpunkt liegt in der aufsuchenden Krisenhilfe. Sie wird durch ein breites Netzwerk von Diensten der Freien Wohlfahrtspflege durchgeführt. Ein Vor-Ort-Einsatz kann auch präventiv erfolgen, um die Zuspitzung einer Krise abzuwenden. Nach den bisherigen Erfahrungen des Krisendienstes ist ein Hausbesuch bei bis zu sieben Prozent der Fälle erforderlich. Die den Sozialpsychiatrischen Diensten angegliederten Einsatzteams haben werktags von 9 und 21 Uhr Rufbereitschaft, an Feiertagen und Wochenenden von 13 bis 21 Uhr.

Wichtige Netzwerkpartner in der Region 10 sind unter anderem die regionalen Caritasverbände und deren Verbundpartner. Diese stellen auch die mobilen Teams für die Vor-Ort-Einsätze. Martin Guth (Caritas Ingolstadt) ist als Gebietskoordinator für den Aufbau der Organisation zuständig. Aus seiner Sicht ist es mit dem trägerübergreifenden Projekt gelungen, ein ambulantes – und wenn nötig aufsuchendes – Krisenhilfenetzwerk als fixen Bestandteil der regionalen Versorgung zu schaffen. Guth: „Menschen in unterschiedlichsten Krisensituationen können nun professionelle Hilfe niedrigschwellig und vor allem ohne großes Aufsehen für sich in Anspruch nehmen.“

Schnelle und wohnortnahe Hilfe möglichst ohne Blaulicht und Feuerwehr – darauf hoffen auch Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung und deren Angehörige. „Psychische Krankheiten sind wie ein Labyrinth“, weiß Roland Karg aus eigener Erfahrung. Karg leitet in Ingolstadt die Selbsthilfegruppe Borderline. „Es ist schwer den richtigen Weg zu finden, geschweige denn den Ausgang.“ Deshalb sei es gut, wenn es durch den Krisendienst „in einer Lebenskrise ein bisschen Hoffnung, etwas Mut, gepaart mit der Hilfe von Profis gibt, um wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen“.
Auch die Angehörige Eva Straub ist sich sicher, dass psychische Notlagen dank des Krisendienstes künftig nicht mehr zu nicht aushaltbaren Situationen in der Familie führen werden. „Angehörige waren in der schwersten Stunde mit dem todkranken Menschen allein, hilflos, verzweifelt“, sagt Straub. „Für uns Angehörige ist der Krisendienst ist ein Meilenstein in der ambulanten psychiatrischen Versorgung.“